Der kleine Junge und der alte Mann
Aufgeregt stürmte ein kleiner Junge in das Selbstbedienungs-Restaurant des Warenhauses am Bellevue. Er trug eine Angelrute mit sich. Dahinter erschien seine Mutter mit einer Geräte-Box und in Begleitung der älteren Schwester des kleinen Jungen. Eine weitere erwachsene Frau war auch dabei. Schnurstracks lief der kleine Junge zu einem alten Mann, am anderen Ende des Raumes sitzend. Ich verstand nicht, was er sagte, denn direkt neben mir erklärte ein ziemlich beleibter Mann seinem Kollegen seine Krankengeschichte, ohne in geringster Weise seine Stimme zu dämpfen. Offenbar musste die ganze Welt seine aufregenden Enthüllungen mitbekommen. Der kleine Junge hatte im nahen See einen Fisch gefangen, wie seinen Gebärden und Bewegungen zu entnehmen war. Trotz des beträchtlichnen Abstandes konnte ich sehen, wie seine Augen leuchteten. Der alte Mann hörte aufmerksam zu und stellte nur hie und da eine kurze Frage. Mutter und Schwester richteten sich an ihrem Tisch ein. Mein Nachbar legte noch einen Zahn zu, sowohl in der Detaillierung seiner Geschichte als auch bezüglich Lautstärke. Und der kleine Junge erklärte dem alten Mann geduldig, aber voller Eifer den Gebrauch der Angelrute, seine Wurftechnik, die verwendeten Köder, einfach alles. Schliesslich rannte der kleine Junge zu seiner Mutter zurück und verkündete freudestrahlend, er habe dem Mann alles erklärt. Mein direkter Nachbar war immer noch am Erklären. Und hat auch alles erklärt, wo überall die Ärzteschaft versagt hatte. Wahrscheinlich hätte er einfach an der frischen Luft fische müssen, zuweilen. Der alte Mann schmunzelte, zog seinen Mantel an und verabschiedete sich winkend vom kleinen Jungen. Dieser winkte zurück und rutschte freudestrahlend auf seinem Stuhl hin und her.
Christian Schlüer

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